Eine Herkunftsmutter
Zur Freigabe genötigt
"Wurzeleltern"
"Wurzeleltern"
»Wurzeleltern« – die biologische Familie
        
Ohne ihr Schicksal wäre Adoption »kaum der Rede wert«, denn sie sind die freiwilligen oder unfreiwilligen Spender der adoptierten Kinder.
   
Warum gibt jemand sein Kind weg?
     
Offiziell gibt es drei Gründe, weshalb heutzutage Kinder zur Adoption freigegeben werden:
         
1.  das Kind ist zum Waisen geworden,
2.  die Eltern entscheiden freiwillig, dass es ›so am besten ist‹, oder
3.  das Jugendamt sieht das Kindeswohl gefährdet, wenn es in
     der Herkunftsfamilie verbleibt.
         
Das alles klingt sehr plausibel und kaum jemand, der nicht in dieses Thema involviert ist, zweifelt an der Richtigkeit der jeweiligen Darstellung.
    
Befasst man sich einmal intensiver mit dem Thema Adoptionsfreigabe, kommt man bald darauf, dass sel«bst der Status Waisenkind nicht stimmen muss, denn viele so bezeichnete Kinder waren nie Waisen gewesen (siehe hierzu die Unterseite »Auslandsadoptionen«).
    
Der Begriff der »Freiwilligkeit« ist von Haus aus sehr dehnbar. Wer selbst einmal darüber nachdenkt wie viele der eigenen, täglich zu treffenden Entscheidungen tatsächlich auf freiwilliger Basis erfolgten, kann erahnen wie »freiwillig« so manche Entscheidung zur Adoptionsfreigabe sein mag. Die Schattierungen der Freiwilligkeit reichen hierbei von tatsächlich »bewusst« über »resignierend« oder »von Dritten beeinflusst« bis hin zu »genötigt« oder gar »erzwungen«. In meinem Fall war es Nötigung, denn ich wurde seitens meiner gesetzlichen Vertreter (Mutter und Jugendamt, denn ich war zu diesem Zeitpunkt Halbwaise) zur Freigabe meiner neugeborenen Tochter »überredet«, um es einmal milde auszudrücken. Meine Adoptionsgeschichte habe ich in dem Buch »Wurzeln für Lisa« dargestellt (siehe Unterseite »Adoptionsbücher«).
    
Noch viel schwieriger kann man den Sachverhalt bei den vom Jugendamt veranlassten ›Fremdplatzierungen‹ beurteilen. So wie es aussieht, wird hier des Öfteren viel zu voreilig und unüberlegt gehandelt. Hauptsächlich liegt das wohl an der permanenten Unterbesetzung der zuständigen Stellen, andererseits an dem heutigen Verständnis von Familie und ganz besonders an den heutigen Zuständen in den Familien. Gerade junge Paare sind aufgrund äußerer Einflüsse derart überfordert, dass sie selbst ohne Kinder schon nicht zurechtkommen. Für mich liegt die Wurzel allen Übels in dem Rüstzeug, das wir Erwachsenen unseren Kindern zur Entwicklung von deren Persönlichkeit mit auf den Weg geben! Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr …
     
Fazit
    
Nicht alle der zur Adoption freigegebenen Kinder wurden freiwillig zur Adoption gegeben und nicht alle waren von Anfang an in ihrer biologischen Familie »unerwünscht«, sondern eher ungeplant; sie haben einfach nur zum falschen Zeitpunkt das Licht der Welt erblickten, weil sich ihre Eltern genau da in einer Notlage oder anderen Lage befanden, die für die Kinderaufzucht nicht ausreichend ist. In krassen Fällen wäre es sogar bereits wenige Wochen oder Monaten später ganz anders gelaufen, wäre der richte Rat da gewesen oder hätten sich bestimmte Lebensumstände früher zum Besseren gewandelt. Bei anderen Vorgehens- und/oder Betrachtungsweisen, wären viele Kinder niemals in den Adoptionskreislauf gekommen. Auch das sollten sich von Adoption nicht oder noch nicht betroffene Kinderlose vor Augen halten, wenn sie an Kinderrettung mittels Adoption denken.
    

Weitere Informationen hierzu

Vergessene Mütter – »Leibliche Eltern von Adoptivkindern« (Aufsatz, Martin R. Textor)
    
Die Unterseite Im falschen Moment unterwegs dieses Forums
         
»Sauber gelaufen« – Spiegel-Artikel aus 1982 über eine zweifelhafte Adoptionsfreigabe in Heidelberg
           
     
    

Das Image der abgebenden Eltern

Genau genommen sollte man gleich sagen: das Image der abgebenden MÜTTER, denn vorrangig trifft nur diese »Volkes Zorn«. Judith Luig stellt 2008 in ihrem taz-Artikel »Eine andere Art Mutter« fest: »Das Thema wird von Heuchelei begleitet: Einerseits warten unendlich viele Paare auf ein Adoptivkind, wer sein Kind aber adoptieren lässt, der wird verteufelt.«

Obwohl sich alle Experten darüber einig sind, dass die Ausgangssituation der abgebenden Mütter in der Regel eine Notlage ist, wird die Freigabe seitens Bevölkerung bis heute überwiegend geächtet. Daran ändert auch die Tatsache nicht, dass sich in den meisten Info-Broschüren staatlicher (und vor allem privater!) Adoptionsvermittler meistens sinngemäß folgender Satz findet: »Wir haben großen Respekt vor Eltern, die so mutig und verantwortungsvoll sind, diesen Schritt zu gehen …«. Die Erfahrung fast aller abgebender Mütter, von deren Erfahrung ich Kenntnis habe, ist jedoch eine ganz andere. Unisono wird berichtet, dass es mit dem Respekt gleich nach der verantwortungsvollen Unterschrift vorbei war, denn danach empfängt und die raue Wirklichkeit und kaum eine von uns hängt ihre verantwortungsvolle Tat an die große Glocke.

Gleichzeitig wird denen, die sich unserer ungeplanten Kinder angenommen haben, ob ihres Mutes so ein Risiko einzugehen, anerkennend auf die Schulter geklopft – zumindest denen, die ihr Adoptivkind gleich auch als solches vorzeigen. Leider tun das längst nicht alle. Viele versuchen bis heute den (vermeintlichen) Makel kinderlos zu sein, zu vertuschen. Das ist die Realität – eine Realität, die so gerne unter den Teppich gekehrt wird.

So denkt man auch über uns

Hier noch einige Meinungen/Ansichten zu bzw. über abgebende Eltern/Mütter:

Ø     »Wie kann man nur daran denken, ein kleines Kind aus seiner natürlichen Umgebung herauszureißen? Will man die Psyche des Kindes unbedingt zerstören?« (Adoptierte/r)
Ø      »Für mich wäre die Weggabe eines Kindes undenkbar« (A-Elternteil)
Ø      »Lebensläufe, die geprägt von Sucht oder Gewalt sind, kennen Adoptivfamilien normalerweise nur vom Hörensagen« (A-Elternteil)
Ø      »Es gibt keine zwei Mütter; es gibt eine Erzeugerin und eine Mutter«  (Adoptierte/r)
Ø      »Es tut weh an all die Kinder denken zu müssen, denen es aufgrund des Egoismus ihrer leiblichen Mütter nicht vergönnt war in einer heilen, liebenden Familie groß zu werden«  (Adoptierte/r) 
Ø      »In der heutigen wissenschaftlich medizinisch fort­geschrittenen Zeit, mit den vielfältigsten Verhütungs­methoden muss Frau nicht schwanger werden«   (Anonym)              
Ø      »Da sollte Frau doch verantwortungsbewusst ge­nug sein und eben aufpassen, sprich verhüten«  (Anonym)
Ø   »Wer sein Kind abgegeben hat, hat das im Normalfall mit seiner eigenen Unterschrift besiegelt = ein willentlicher und bewusster Akt. Im übrigen war Adoption auch immer als Entlastung der ›lieben‹ leiblichen Eltern gedacht; das vergessen die Leiblichen heute aber allzu schnell«  (Adoptierte/r)
Ø      »Bei allem Verständnis für gewisse Situationen und Notlagen … für mich persönlich würde es keine Gründe geben ein Kind wegzugeben – nicht einen einzigen«  (Anonym)
Ø      »Abgebende Frauen sind die Allerletzten an deren Meinung in Sachen Identität ich als Adoptierter interessiert bin«  (anonym)
               

Die elterliche Rollenverteilung – der (leibliche) Vater hat viel zu oft das Nachsehen.

Als ich 1969, selbst noch minderjährig, meine uneheliche Tochter zur Adoption freigeben musste, hatte der Kindsvater von Gesetzes wegen keinerlei Mitbestimmungsrechte. Seine Unterschrift war für die Freigabe nicht erforderlich und seine Meinung seitens Jugendamt nicht erwünscht. Finanziell abhängig von der eigenen Mutter und in den Augen des zuständigen Jugendamtes »unfähig zur Aufzucht eines Kindes«, wurde mir klar gemacht, dass Adoption für unser Kind das absolut Beste sei. Die Adoption wurde vollzogen, der Kindsvater trennte sich von der egoistischen Rabenmutter und diese blieb Zeit ihres Lebens mit ihrem Schmerz alleine. 
         
Nicht alle unehelichen Väter, deren Kinder zur Adoption freigegeben werden, haben die Mütter schlecht behandelt oder gar missbraucht und sie auch nicht im Stich gelassen, aber in der Öffentlichkeit hängt ihnen dieser Makel bis heute pauschal an. Manche Frauen nutzen diese Tatsache schamlos aus, um ihren Expartnern mittels Kindsentzug eins auszuwischen. Auch wenn es sicher eine große Anzahl an Vätern gab und gibt, die eine derartige Lektion verdient hätten, dürfen die Kinder darunter nicht leiden. Weder eine Mutter noch ein Vater hat das Recht dem Kind ohne nachgewiesene und sachlich gerechtfertigte Begründung den anderen Elternteil vorzuenthalten.

Offenbar ist es bis heute Usus, dass einer Mutter weniger Verschlagenheit zugetraut wird, als einem Vater. Anders lässt es sich kaum erklären, warum es möglich ist, dass ledige Mütter bei der Geburt den Namen des Kindsvaters nicht angeben müssen. Wäre es nicht so einfach, die fehlende Unterschrift von Amts wegen ersetzen zu lassen, damit eine Adoption zustande kommt, dann kämen manche Adoptionen vielleicht gar nicht zustande oder die Kinder würden später doch einen Vater in den Akten vorfinden. 
         
Ein anderes brisantes Thema sind die Stiefkindadoptionen. Auch hier scheint dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet zu sein – wieder wegen der alten Meinung, dass Mütter grundsätzlich nur das Gute für ihre Kinder im Sinn haben, Väter dagegen aber nicht. Selbst in Expertenkreisen mehren sich die Zweifel am Sinn und Zweck der Stiefkindadoptionen, zumindest dann, wenn der andere Elternteil noch verfügbar ist und das Ganze nur der Bequemlichkeit der neuen Patchworkfamilie dient, in der das KInd/die Kider nun lebt/leben.
  

                         

Weitere Informationen hierzu
    
  Sendung von 19.03.2009 »Ein Leben lang verbunden –
  Pflegeeltern kontra leibliche Eltern – Die verlorenen Kinder, Teil 2«
www.vafk.de   
  Bundesverein »Väteraufbruch für Kinder e.V.«
   
        
Leere Versprechungen – oder das Vakuum nach der Freigabe
           
Wenn man den Adoptionsbroschüren glauben schenken dürfte, so müsste es jährlich vergoldete Verdienstorden für Herkunftseltern geben, von soviel ›Verantwortungsbewusstsein‹ und ›tiefer Bewunderung‹ ist da die Rede! Die traurige Wirklichkeit sieht natürlich anders aus (siehe weiter oben). Bereits direkt nach der Erteilung der Freigabeunterschrift beginnt für die meisten von uns, die sich als Herkunftseltern outen, das Leben am Rande der Gesellschaft. Was dabei sehr auffällt, ist die Tatsache, dass in fast allen Fällen der Makel alleine die Mütter trifft, weil offenbar bis zum heutigen Tag mit zweierlei Maß gemessen wird. Zum Teil liegt das zwar an den Müttern selbst, denn viele geben aus rein egoistischen Gründen den Namen des Vaters erst gar nicht an, aber die meisten sind für diesen Umstand nicht verantwortlich.
           
Es gibt aber auch Lichtblicke und dazu zähle ich z. B. den PFAD (Bundesverband der Pflege- und Adoptiveltern). Diese veranstalten sogar Seminare extra für und mit Herkunftseltern, um das gegenseitige Verständnis zu fördern (siehe z. B. hier).    
                               
Aber auch die ›amtlichen‹ Stellen bemühen sich heutzutage zusehens um mehr Verständnis für die Herkunftsseite. So steht z. B. in einem Mitteilungsblatt der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ) aus dem Jahre 2007 zu lesen (Quelle siehe unten): »...Darüber hinaus wurde aber insbesondere das Erfordernis einer dauerhaften Begleitung bis lange nach dem Ausspruch der Adoption unterstrichen. Die Zuständigkeit von Vermittlungsinstitutionen und Behörden könne und dürfe nicht mit dem Adoptionsbeschluss enden. Jedoch fehle es häufig an Angeboten seitens der Jugendämter selbst, bzw. an der Unterstützung ehrenamtlicher privater Initiativen vor Ort. Zudem fände gerade der Unterstützungsbedarf leiblicher Eltern, die noch Jahre nach der Freigabe ihres Kindes zur Adoption von den Folgen der Adoption betroffen wären, zu wenig Berücksichtigung....«
Link zum BAGLJÄ-Mitteilungsblatt (= download): 
Mitteilungsblatt